Projekte
Jungenförderung am Lise
Kein Zutritt für Mädchen!
Vier Jungen, die eigentlich an diesem Dienstagnachmittag frei hätten, sitzen noch etwas außer Atem vor einem Blatt und grübeln darüber, was ihre Stärken und Schwächen sind. Das ist für den 13-jährigen Leon gar nicht so einfach. Das Fußballspiel vorher war einfacher: „Die Schwächen bekommt man ja jeden Tag von den Lehrern mitgeteilt, aber die Stärken?“ Lou ist etwas eingefallen: „Ich kann gut reden.“ Gerold Kruth hört ihm interessiert zu: „Und wie kannst du das für die Schule nutzen?“ In der Gruppe, die sich einmal wöchentlich trifft, haben Mädchen keinen Zutritt. „Wir haben in der Schule die Situation, dass unsere Pädagogik oft eher weiblich ist. Da fühlen sich Jungen in ihren Eigenheiten und Bedürfnissen nicht selten unwohl. Hier wollen wir einen freien Raum bieten, der gerade jetzt wichtig ist, da Jugendliche heute so viel Zeit in der Schule verbringen“, erklärt Kruth. Er hatte vor vier Jahren das „Lise-Lern-Coaching“ für Jungen konzipiert. Das Angebot zur Lernbegleitung soll insbesondere Schüler aus den 7. und 8. Jahrgängen ansprechen, denn im Vergleich zu den Mädchen geraten die Jungen in der Schule oft ins Hintertreffen und regieren mit Lustlosigkeit und Unwillen. Schon die erste PISA-Studie vor 13 Jahren stellte fest: Die Jungen sind in der Schule benachteiligt. Sie lesen schlechter, schreiben im Durchschnitt die schlechteren Noten und fallen eher auf als die Schülerinnen. Nach Auffassung des Dortmunder Bildungsforschers Wilfried Bos sind Jungen nicht „per se dümmer. Sie werden nur nicht so gefördert." Ein Problem, dem sich das Lise Meitner Gymnasium angenommen hat. „Es sind nicht einmal unbedingt die leistungsschwachen Jungen, die wir hier haben, sondern eher diejenigen, die sich selbst im Wege stehen, weil sie nicht organisiert oder wenig motiviert sind“, erklärt Christian Brosch, der die Jungengruppe seit drei Jahren mitleitet. „Bei uns muss man sich nicht vor einem Mädchen profilieren und kann frei über seine Probleme reden“, so der Pädagoge. Gerold Kruth und Christian Brosch verstehen sich denn auch in dieser AG zuallererst als Bezugspersonen und dann erst als Lehrer. „Anfangs sollen die Jungen sich erst einmal bei Raufspielen oder einem kurzen Fußball-Match richtig auspowern und ganz einfach Jungs sein. Danach sind sie offener, mit uns über ihr Lernverhalten zu beratschlagen, sich Ziele zu setzen und Lernmethoden für sich zu entdecken“, so Kruth. Leon hat schon gemerkt, dass es etwas bringt: „Ich kann mich jetzt besser konzentrieren“, erklärt der schüchterne Junge. Derartige Erfolge sind für die Leiter der Jungengruppe nicht selbstverständlich. „Wir sind dann froh, wenn die Schüler den Lernort Schule durch uns als positiv wahrnehmen, Vertrauen fassen und im besten Falle ihre Persönlichkeit weiter entwickeln.“ So wie bei Gregor. „Ich war schulmüde und wenn ich die Jungenförderung nicht gehabt hätte, wäre ich vielleicht nicht mehr am Lise“. Heute ist er in der 11 und wird im nächsten Jahr Abitur machen. „Deshalb verstehen wir uns auch weniger als Förderangebot, sondern eher als Jungengruppe, die in einem entspannten, nicht leistungsorientierten Rahmen, dem persönlichen Lernerfolg jedes einzelnen auf der Spur ist,“ ergänzt Kruth. Anders als in den Jahren zuvor, ist die anvisierte Gruppengröße von 10-15 Schüler diesmal nicht zustande gekommen. „Wirklich schade“, bedauert Brosch und erklärt, „das hat sicherlich seine Gründe im zunehmend vollen Tagesprogramm der Jungen und darin, dass dieses Projekt noch so neuartig ist. Eigentlich sind noch am Anfang und entwickeln die Idee immer weiter. Natürlich ist zum Beispiel auch ein Coaching für Mädchen denkbar. Da dürften wir dann aber wohl im Gegenzug keinen Zutritt haben.“ 

Nichts für Memmen 
Die Atmosphäre ist entspannt, die Tutoren Christian Brosch und Gerold Kruth sitzen gemeinsam an einem großen Tisch und besprechen die Übungen, die die Schüler anschließend selbstständig lösen sollen. Dabei wird viel gelacht und Kruth nennt einen Schüler freundschaftlich „Memme“. Dieser hat sich beim Fußballspielen, das am Anfang jeder Sitzung stattfindet, über den Wind beschwert.
Seit nun vier Jahren gibt es an unserer Schule das „Lise- Lern Coaching“, eine AG speziell für Jungen, die statt Probleme mit dem Lernstoff, Probleme mit der Konzentration, Motivation, Zielsetzung und dem Zeitmanagement haben. Jeden Dienstag können sie mit Hilfe von den sogenannten „Tutoren“ an sich selbst arbeiten, um langfristig erfolgreicher am Schulgeschehen teilnehmen zu können.
Die beiden Lehrer gehen verständnisvoll und lässig auf die Jungs zu. Leon aus der 7. Klasse bestätigt: „Die Tutoren sind echt cool“. Wer übrigens nicht um Punkt 14 Uhr in Broschs Raum erscheint, muss Liegestütze machen.
Eigentlich war das Konzept, das Gerold Kruth im Referendariat mit seiner damaligen Schulleiterin an seiner Ausbildungsschule entwickelt hat, als Einzel- Coaching für Schüler der achten bis zehnten Klassen geplant. Doch die Erfahrungen, die er während des ersten Jahres in der AG sammelte, haben dem Erdkunde- und Deutschlehrer gezeigt, dass die Förderung in einer Gruppe den Umgang zwischen den Schülern verbessert und ihnen mehr Spaß macht.
Aus diesem Grund haben die Tutoren ebenfalls ein jährliches Highlight geplant, nämlich einen Ausflug mit der ganzen Gruppe. Die etwa 15 Jungen aus den Stufen sieben und acht, die letztes Jahr teilgenommen haben, sind gemeinsam in eine Kletterhalle zum Austoben gefahren.
Aufgrund von Langtagen, Konfirmationsunterricht, fachlicher Lernberatung und verschiedenen Hobbys haben die Schüler inzwischen, nach Aussage von Gerold Kruth, nur sehr wenig Freizeit und so beschlossen die beiden Lehrer mit der Schulleitung, das Coaching nur noch für die Klassen sieben und acht anzubieten. „Obwohl die Schüler noch sehr jung sind und sich nicht so gut selbst bewerten können wie ältere, hat es auch Vorteile. Sie sind etwas zugänglicher und offener“, so Kruth.
Schülern mit Lernschwierigkeiten wird von den Klassenlehren jedes Schuljahr empfohlen, der AG beizutreten, doch sie wollen auch freiwillig an sich selbst arbeiten. Der dreizehnjährige Leon erklärt zum Beispiel sein Problem: „Ich weiß zwar, wie ich mich besser konzentrieren kann, mache es aber einfach nicht, weil es mir an Motivation fehlt. Wir haben bis jetzt hauptsächlich Konzentrationsübungen gemacht, die mir schon gut weiterhelfen.“
Kruth betont, wie wichtig es sei, die Teilnehmer der AG einfach „mal Jungen sein zu lassen“, da während des Ganztags nur wenig Zeit zum Kopfausschalten bliebe.
„Dem Schulsystem wird häufig vorgeworfen, es sei zu weiblich und deswegen haben wir das Coaching speziell für Jungen ausgerichtet. Sie würden viel besser lernen, wenn sie mehr mit den Händen arbeiten könnten. Stattdessen müssen sie immer nur den Lehrern zuhören.“
Trotzdem hält er es für sinnvoll in Zukunft ebenfalls eine solche AG für Mädchen mit Lernproblemen anzubieten. In "Mischgruppen" findet er weniger sinnvoll; da würden die Schüler nicht so viel lernen, "da sich Jungen und Mädchen gerne profilieren“ so Kruth.

von Dora Cohnen